Horst Sauerbruch

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Horst Sauerbruch

Wie anfangen?

„Wie anfangen?“ diese Frage stellt sich dem Maler Horst Sauerbruch wieder und wieder, jahrelang, aber er kann nicht lassen vom Reiz des Anfangs. Auch und gerade weil es wieder so schwer wird. Was macht den Anfang so schwer? Wenn ich mal von mir ausgehe, dann sind es vor allem die Erwartungen und Ansprüche, die sich wie ein unbezwingbarer Berg vor einem auftun. Horst Sauerbruch ist in eine besondere Melange solcher Erwartungen hineingeboren. Da ist dieser Name, durch den berühmten Großvater im Guten wie im Schwierigen aufgeladen. Und diese Ikone Ferdinand Sauerbruch hatte die höchsten Ansprüche, auch und vor allem an die eigenen Kinder. Besonders hat sein Sohn Hans darunter gelitten, Horst Sauerbruchs Vater, der sich dem vorgezeichneten Weg zum Mediziner verweigerte. Was ihm geholfen hat, seinen eigenen Anfang zu wagen, war die Malerei. Er wollte Maler werden und tat damit genau das, was der Vater unbedingt verhindern wollte. Denn das Malen ist eine „halbscharige G‘schicht“, wie man in Bayern sagt: Die Scholle wird zwar mächtig angepflügt, aber mit dem Umsatz ist es halt immer schwierig.

So erlebte Horst Sauerbruch als Kind hautnah, dass, wer vom Apfel der Kunst gebissen hat, allzu schnell aus dem Paradies des gepflegten Bürgertums vertrieben wird. Wenn man sich die Farben vom Mund absparen muss und zudem noch eine Familie zu versorgen hat, dann werden die Ansprüche übermächtig. Die permanente Angst zu versagen umzingelt den freien Anfang, der für ein Gelingen von Bildern so wichtig ist.

Es ist gewissermaßen typisch, dass sich im Schatten dieses Ringens mit den Erwartungen und Ansprüchen der Über-Ichs, der Väter, Bürger und Bilder, das im Atelier des Vaters ausgetragen wurde, ein Unfall ereignen muss, dessen Spätfolgen wir hier bewundern können. Denn während die Eltern ihren aufreibenden Kampf mit dem Alltag kämpfen, lassen sie die Kinder für einen Moment aus den Augen. Hauptsache sie sind ruhig und spielen. Aber genau betrachtet ist gerade dieses ungewöhnlich stille Spielen am gefährlichsten. Denn ruckzuck werden mit dem Inhalt der Windel die großartigsten Wandbilder geschaffen.

Ob ein solcher Unfall stattgefunden hat, weiß ich nicht, aber Horst Sauerbruch hat mir von einem Schlüsselerlebnis berichtet, das eine ähnlich spielerische Lust in ihm geweckt hat, die seine Bilder bis heute trägt. Er wollte wie der Vater malen, war fasziniert von Farben, von Linien und Flächen. Die mühsam aufgezogenen Leinwände waren natürlich tabu und für die nötigen Unterweisungen war es noch viel zu früh. Also gab ihm der Vater ein altes Brettchen, damit er endlich seine Ruhe hatte. Und – nachdem er den altersgemäßen Pelikankasten verschmäht hatte – auch einen Rest roter Ölfarbe. Horst Sauerbruch nimmt das Brettchen, setzt den Pinsel darauf, verschiebt den zähen Farbbrei auf der rauen Oberfläche und zieht eine schlangenförmige Linie. Da war er schlagartig da, dieser lustvolle Impuls, den sein Vater nebenan vor der weißen Leinwand erzwingen wollte.

Das Faszinosum dieses Anfangs ist das Thema von Horst Sauerbruchs Bildern, die nicht zuletzt deshalb immer wieder auch auf billigen Pappen, Sägeabschnitten und Brettern entstehen. Da ist ein Ding, eine Oberfläche, ein Material, das in einem unbeobachteten Moment seine festgefügte Form und Funktion verliert. Da ist Farbe, eine Substanz ähnlich einer Medizin. In der Flasche ist sie unscheinbar, aber in Fläche und Raum hat sie eine transzendierende Wirkung.

Und schließlich ist da der Körper mit seinen disparaten Kräften. Wir sind heute davon abgekommen, uns den Köper als Einheit, als Organismus, als eingegrenztes Volumen vorzustellen. Im Grunde ist der Körper so etwas wie eine Gesellschaft. Ein Konglomerat von vielen Individuen mit eigenen Zentren und Vergangenheiten, verbunden durch undurchsichtige Netzwerke und Interessen. Der Körper bildet und zersetzt sich zwischen Kräften, Reaktionen, Substanzen, Lüsten, Ängsten, Codes, Normierungen, Mutationen, Schwärmen ohne Innen und Außen. Er wird durchzogen von anderen Körperschaften, von Praktiken und Kulturen, von Geschichten und Befehlen. Der Körper ist wie ein Staat in Zeiten von Globalisierung und Pluralismus. Der Körper ist ein Prozess, der sich in der Interaktion erst erfährt. Und die Interaktion im Atelier ist die zwischen dem unbeobachteten Brettchen, der Potenz der Farbe und all diesen Energien, die für einen Augenblick zur Geste werden.

Es ist ein Moment der Identität, den ein Bild im besten Fall erinnern kann. Er verflüchtigt sich gerade dann, sobald wieder identifiziert wird. So gesehen ist dieser Moment auch abstrakt in dem Sinn, dass er vor der Vergegenständlichung liegt. Es ist der Moment, wenn der Neandertaler seine mit Farbe bestrichene Hand auf die Höhlenwand drückt und er sich als gegenwärtigen Körper erfährt. Wir wissen jetzt genauer, was diese widerstrebenden Kräfte sind, die den Anfang so schwer machen. Es sind die Verfestigungen, die falschen Identitäten, die festgehaltenen Bilder, die immer mehr werden und uns erdrücken. Ängste lösen diese Blockaden aus und es gibt nur wenig, was uns wieder in Schwung bringen kann.

Die Bilder von Horst Sauerbruch haben diese Kraft, weil er sich jedes Mal, wenn er selbst in die Blockade kommt, wieder an den spielerischen und lustvollen Moment erinnert, als das Brett zu seinem Bild wurde. Es war ein Unfall, ein Zufall, der etwas in Bewegung gebracht hat. Die Kunst beginnt erst dann, wenn man weitermalt. Wenn man die Leichtigkeit wieder verliert, sich immer weiter verrennt in seine Bilder. Wenn es mehr und mehr Bilder werden, man sich wiederholt und selbst kopiert. Wenn immer mehr Ende und immer weniger Anfang zu spüren ist. So wird aus der einen Schlangenlinie ein Oeuvre, eine faszinierende vielgestaltige Geschichte. Wenn sie offen an die hier gezeigten Bilder herantreten, werden sie diese Geschichte erfahren können, die letztlich noch immer aus der Schlangenlinie auf dem Brettchen fließt.

Besonders deutlich wird das bei den Zeichnungen, für die Horst Sauerbruch bevorzugt den Füller zum Einsatz bringt. Aus dem Fluss der Tinte entstehen mannigfaltige Notationen und Partituren. Der Vergleich mit der Musik ist besonders augenfällig. Man entdeckt rhythmisch sich wiederholende Punkte und Linien, Gitter geben den Motiven Halt wie ein basso continuo. Und dann gibt es wie Melodien fließende Linien. Oft wenn Professor Sauerbruch mit seinen Studentinnen und Studenten unterwegs war und man eben auf den Bus warten musste, klappte er sein Skizzenbuch auf oder rollte einen Bogen Papier aus und begann eine dieser Notationen, die oft von Landschaften inspiriert sind, ohne diese abzubilden. Es geht ihm auch hier um den unbeaufsichtigten Moment, in dem sich Bilder am besten ereignen. Auch bei den größeren Leinwandarbeiten stehen solche schriftartigen Notationen am Anfang, das „Schreiben von Bild“, wie es Horst Sauerbruch nennt. Sie zählen sozusagen das Bild an, geben ihm eine Struktur, einen Horizont, in den hinein sich die Farbe ereignen kann. Die Farbe ist auch eine Setzung, sie bildet auch einen Rhythmus, einen Duktus, aber sie hat ein besonderes Eigenleben. Sie tropft und rinnt, sie leuchtet oder tritt zurück, sie bildet Flächen und schafft atmosphärische Räume.

Dass das Schaffen und Stimmen von Räumen ein leitendes Motiv seiner Arbeit ist, wird vielleicht erst dann richtig deutlich, wenn man sie aus der Perspektive der künstlerischen Arbeit eines anderen Sauerbruchs betrachtet. Die Galerieräume, die sein Sohn Ferdinand in New York mit Studio MDA geschaffen hat, konstruieren ebenso wie seine Loftprojekte in München einen überkommenen Raum neu. Da ist ein Unort unter der Highline, der wie ein gefundenes altes Holzbrettchen in seinen Möglichkeiten gesehen und durch wenige gezielte Eingriffe in seiner Tektonik und räumlichen Potenz neu entdeckt wird. Der Raum nimmt sich gleichsam zurück, setzt aber kraftvolle Achsen und Strukturen, die einen Horizont öffnen für das, was sich darin zeigen kann. In der Galerie die präsentierten künstlerischen Arbeiten, bei Horst Sauerbruch der besondere Spirit im Wohnen mit und in den Bildern.

Bilder sind immer auch ein Risiko, und es bereitet Horst Sauerbruch eine besondere Lust, an die Grenzen zu gehen. Wie lange bleibt das Bild ein Bild? Wann stürzt es ab? Wann kann sich das Bild behaupten und der Künstler sich zurückziehen? Oft malt er an zehn Bildern gleichzeitig, lebt und leidet mit ihnen. Nach Phasen des intensiven Malens bricht der Fluss ab. Nichts gelingt mehr und das Malen an sich scheint keinen Sinn mehr zu machen.

Wie anfangen? Wieder einmal steht Horst Sauerbruch vor der leeren Leinwand und zweifelt an sich, zweifelt an der Malerei, zweifelt am Bild. Und da sieht er aus den Augenwinkeln seinen damals noch kleinen Sohn Maximilian, wie er mit einem prall mit Farbe gefüllten Pinsel ein Stück Wellpappe berührt und mit unverschämter Lust einen langen schlangenförmigen Strich zieht. Erinnern Sie sich in dieser wunderbaren Ausstellung zusammen mit Horst Sauerbruch an das Faszinosum des Anfangens, das einen überfallen können muss.

Gerhard Schebler
Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Jahrelang“ in der Villa Maria, Bad Aibling, 16.9.2018

Vita

Im Jahr 1941 kam ich als zweiter Sohn von Hans und Jaduscha Sauerbruch in Rom auf die Welt. Den Krieg habe ich in Engen im Hegau erlebt, Freunde hatten uns aufgenommen. Dann bin ich in Lindenberg im Allgäu aufgewachsen, die Schulzeit war dort, später in München. Die wunderbaren bayerischen Berge habe ich im Anschluss als Gebirgsartillerist bei Tag und Nacht kennengelernt.

Von 1963 bis 1967 studierte ich an der Akademie der bildenden Künste in München, zuerst bei A. Marxmüller, dann bei H. Kaspar. Ich wurde Stipendiat der Deutschen Studienstiftung. Von 1969 bis 1971 war ich Assistent an der Akademie und von 1972 bis 2005 dort Professor für Malerei und Kunsterziehung.

Seit 1972 sind Margarita und ich verheiratet. Unsere Söhne Maximilian und Ferdinand sind 1977 und 1981 geboren.

Mein Wunsch Maler und Lehrer zu werden hatte sich erfüllt. In ganz Bayern, in Schleswig-Holstein, in New York bringen nun meine Schülerinnen und Schüler die Kunst in die Kunsterziehung und versuchen der Bildung und dem Schulalltag Farbe zu verleihen, so wie ich es am Luitpold-Gymnasium in München bei Egon Küchle erlebt hatte.

Ich habe viel ausgestellt, der weiteste Ort war Kairo, sonst oft in München, im Haus der Kunst, bei Karl & Faber, bei Anais und bei Radowitz, in Konstanz, Wiesloch, Gießen, Mainz, Speyer, im alten Pfarrhof von Issing beim Ammersee und schließlich in der Villa Maria in Bad Aibling.

Wunderbare Reisen waren mit den Studenten durch ganz Europa, in die Türkei, nach Russland und nach Japan. Oft mit dem Fahrrad. Es war ein Erlebnis abends, müde, aber doch in Arezzo, beim Piero Della Francesco anzukommen. Glücklich bin ich über die Bilder die ich für Reiner Kunzes „Kätzchen“ entwerfen durfte, auch darüber, den Bühnenvorhang für den Palatin in Wiesloch wie ein riesiges Bild zu malen, den Trauernden dort mit einem großen Glasbild in der Friedhofskapelle Mut zu machen oder in der Fußgängerzone von Kaufbeuren bunte Mosaikwege wie ein Bild zu legen. Im Krankenhaus 3. Orden in München hilft meine große Malerei vielleicht beim Gesundwerden, ebenso in Bogenhausen oder in Schwabing. Vor kurzem hat sich Reiner Kunze Bilder für seine „Biene auf dem Meer“ gewünscht. Auch sie sind entstanden.

In einem Treppenhaus in München habe ich eine runde Holzsäule über vier Stockwerke bemalt, in der Hofdurchfahrt derselben Anlage eine Collage aus bemalten Fundstücken entwickelt und eine große Wandmalerei befindet sich im Aufzugsschacht eines Jugendstilgebäudes.

Seit vielen Jahren bin ich Mitglied bei der Münchener Secession.



Galerien

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Galerie Josephski-Neukum